Chemiker

Im Gegensatz zu allen anderen Figuren des Ensembles zeigt sich der Chemiker weder sitzend oder stehend, sondern er liegt bäuchlings über einer Kommode, die Arme hängen schlaff herunter. Zwar sehen wir keine Verletzungen, das zerbrochene grosse Reagenzglas und zwei Scherben geben aber einen Hinweis darauf, dass bei der Arbeit im Labor etwas nicht ganz planmässig abgelaufen ist. Er muss hinter dem Möbel mit Schubladen gestanden und sich mit den Glasinhalten beschäftigt haben. Dann hat es wohl eine kleine Explosion gegeben und er ist nach vorne über die Kommode gefallen. Wahrscheinlich hat die Zigarette, die dem Toten immer noch zwischen Zeig- und Mittelfinger klemmt, etwas mit dem Unfall zu tun.

Die Bildkomposition weist Parallelen mit der Apothekerin auf, die ebenfalls hinter einem ähnlichen Möbel steht, sich aber mit den abgestützten Händen noch aufrecht halten kann. Ebenfalls wie die Apothekerin trägt der Chemiker offenbar keine Arbeitskleidung, sondern braune Hosen, einen grauen Pullover, darunter ein weisses Hemd. Ohne dass wir sein Gesicht sehen, wirkt er noch jung, vielleicht am jüngsten von allen Figuren. Zusammen mit der Zigarette wird der Eindruck eines legeren, jungen Mannes hervorgerufen, der diesmal allzu unvorsichtig war. Die Situation wird uns nur durch Andeutungen, mit sehr sparsamen Mitteln, vorgeführt. Trotz des Unfalls ist nichts in Unordnung, die wenigen Utensilien hat der Maler sorgfältig drapiert.

Von der Arbeit des Chemikers zeugt einzig der Ständer, an dem drei verschiedene Reagenzgläser befestigt sind. Das längliche Glas ist mit einer gelblichen Flüssigkeit gefüllt, das kleine runde mit einer blauem, im grossen zersprungenen ist nur noch ein braunes Häufchen übrig. Unfälle im Labor waren vermutlich etwas nicht ganz Seltenes, so dass wir auch die ganze Situation als etwas verstehen können, was mit dem Beruf des Chemikers in Verbindung gebracht wird. Mit den Gläsern nimmt Stoecklin jedoch eines der wichtigsten Attribute der Chemiker auf. Sie spielen auch schon in Darstellungen von Alchimisten eine zentrale Rolle. Spitzweg, der diese Bildtradition im 19. Jahrhundert aufnimmt, zeigt einen Alchimisten, der fasziniert auf seinen Glasarchiballus blickt - unser Chemiker hat den Kopf offenbar etwas allzu nahe an sein Untersuchungssobjekt gestreckt.

Zwei Jahre später wird Stoecklin ein grosses Bild für die Sandoz Pharma AG malen, wo unzählige Gläschen und andere Gerätschaften aus dem Labor die Hauptfiguren sind und stellvertretend für die chemische Industrie stehen.