Pfarrer

Die Tafel zeigt einen Kapuzinermönch auf einer kleinen Kanzel. Seine rechte Hand ist zu einer Faust geformt und zeigt nach unten. Die linke Hand ist zum Segen erhoben. Die immer wiederkehrenden Irritationsmomente bei den Figuren dieses Bildzyklus finden bei dieser Tafel ihren Höhepunkt. In diesem Bild begegnen wir dem Phänomen der Spiegelung, das wir in den anderen Figuren noch nicht gesehen haben. Sie kommt besonders stark im Segensgestus zum Tragen. Der Segen, der eine der wichtigsten Gesten der christlichen Liturgie ist, wird mit der rechten Hand erteilt, die auch als „Hand des Erbarmens" bezeichnet wird. In dieser Tafel ist es die linke Hand, mit der die Pfarrersfigur den Segen erteilt.

Dieses Verwirrspiel, welches durch die Spiegelung zu Stande kommt, führt Stoecklin an einem weiteren Bildelement fort. Auf der Aussenwand der Kanzel z.B. ist ein Relief erkennbar, das den Sündenfall darstellt. Die Mitte des Reliefs zeigt den Baum der Erkenntnis mit dem Auge Gottes und der im Dreieck dargestellten Dreifaltigkeit. Nach der konventionellen Darstellungsform nimmt der Mann die heraldisch rechte Seite ein. D.h. Adam müsste sich zu Gottes Rechten aufhalten, während Eva zu Gottes Linken stehen würde. Stoecklin hält sich nicht an diese Darstellungskonvention und vertauscht die Positionen der Personen. Der langbärtige Adam steht heraldisch links vom Baum. Die Schlange schaut ihm direkt in die Augen, während Eva sich auf der anderen Seite des Baums befindet und mit der rechten Hand die verbotene Frucht pflückt. Mit der linken Hand reicht sie Adam den Apfel. Adam erkennt seine Nacktheit und bedeckt mit der rechten Hand seine Blösse.

Auch in dieser Tafel weicht Stoecklin von den herkömmlichen Körperproportionen ab. Der Kopf und die Hände des Pfarrers sind im Verhältnis zum schmalen Körperbau gross gehalten und werden dadurch stark betont. Ausserdem wären die in der Kanzel stehenden Beine zu kurz. Die riesige Knollennase und die herausstehenden Augen dominieren das Gesicht. Mit dem linken Auge blickt der Pfarrer nach oben, das rechte ist nach unten gerichtet. Zusammen mit der erhobenen linken Hand und der nach unten zeigenden rechten Hand entsteht eine Dynamik im Bild. Die Kanzel, die in keinem räumlichen Kontext steht, scheint sich von der Schwerkraft zu lösen. Die erhobene Hand und das nach oben gerichtete linke Auge zieht die Figur in die Höhe. Die nach unten zeigende rechte Hand bildet dazu die Gegenkraft. Die Figur wird damit in einen Schwebezustand versetzt.